Watt muss das muss

„und freigegeben“ ruft Tom in bekannter Tonlage nach hinten in die Gruppe. Es ist bereits der dritte Anstieg an diesem Tag nach dem Mont Ventoux Aufstieg gestern. Das Wetter kann nicht besser sein und ich fühle in meinen Körper und vertraue auf meine bekannten Leistungswerte. Bernd aus Österreich hat die Tage beim Abendbrot erzählt, er mache das Ganze „Old school“ und nimmt sich „mal a Banane oder a Brezn mit“ und fährt damit höllisch gut. Marcel und ich sind da eher „new school“ und berechnen unseren Energiebedarf pro Stunde / Etappe aus und füllen entsprechend unsere Flaschen und Gels auf. Unter 80g Kohlehydrate pro Stunde (ca. 2 Gels + Trinken) komme ich nicht auf Touren. Aber ich schweife ab. Der Anstieg ist also frei, das bedeutet: Jeder fährt so schnell er will, und oben wird gewartet. Wer also nicht warten will, fährt langsam. Ich wollte gerne lange warten und bin mit dem Signal sofort zwei Gänge höher gegangen und habe die Gruppe aus der Mitte heraus links überholt. 800..900…1036 Watt und ab die Rakete. Das macht natürlich nur Sinn, wenn man sich vorher den Anstieg gemerkt hat, oder der Radcomputer es einem entsprechend anzeigt. Nichts ist schlimmer, als sich komplett zu verschätzen. Ich zog also von dannen und habe mein Tempo und Rhythmus gesucht. Ich bin ca. 10% über meiner normalen Watt-Pace auf 20 Minuten gefahren, aber ich hatte Bock und augenscheinlich gute Beine. Mein Radcomputer schätzt eine Ankunft am Gipfel bei dem Tempo in ca. 11 Minuten, da sollte das drin sein. Ich drehe mich keinmal um und fahre die Serpentinen hoch, habe ein gutes Gefühl. Der Puls geht langsam in die Höhe, ist mit 170 aber noch im Rahmen. Bei 2/3 des Anstieges drücke ich mir ein Gel in den Mund und vernehme plötzlich das Geräusch eines Nasenhochziehens in meinem Rücken. Marcel hat heute offensichtlich auch gute Beine und fährt auf mich auf, sieht aber etwas limitierter aus. Ich nehme absichtlich etwas Tempo raus, wir beide sparen etwas Körner. Wenn er zum Sprint oder Attacke ansetzen will, würde ich das hoffentlich rechtzeitig merken. Weitere 500m gebe ich den Rhythmus vor, bis ich bei der letzen kurzen Welle für 100m All-Out fahre und als erster oben bin. Oben klatschen wir ab, teilen uns einen Riegel und warten auf die anderen.
Wunderbar.

Geschütztes Bild.