GIN&TONIC

Jetzt.
12.500m über dem südlichen Teil Kroatiens. Die Zellen des Körpers auf viele hundert Kilometer pro Stunde beschleunigt, vergeht die Zeit in der Boing 737 tendenziell mit entgegengesetzter Geschwindigkeit. Unterwegs durch die Blutbahn trifft das kürzlich nach dem Boarding eingenommene Melatonin auf den irgendwo zwischen UTC+1 und UTC+2 schon vor Tagen komplett verlorenen Biorhythmus und bahnt sich seinen Weg durch die Blutlaufbahn. Die Frage der Stewardess, ob es „hier noch etwas sein dürfte“ wird routiniert verneint, bevor ihr Körper abschaltet, die Schlaftablette übernimmt und die Kontrolle dem Geist und seinen Gedanken übergibt.

Vorher.
Familie, Wein, Freunde, Calzone, Kollegen, „Ja ich will“, Oops I did it again, Kutsche, Kochkurs, Busfahrt, Kloster, Wein, Mücken, Wecker, Tanzen, Fotos, Wein, Gin & Tonic, Sonne, Geburtstag, Minigolf, Spiegelei, Thailand, USA, Schnitzel noch ein Geburtstag und noch mehr Wein. Die Liste der Stichwörter für drei wunderschöne Tage kann unendlich weitergeführt werden.

Get-Together. Des Abends.
Mein mir zunächst unbekannter Sitznachbar beim sehr angenehmen get-together einiger Hochzeitsgäste lehnt sich nach vorne, greift nach seinem Weinglas auf dem Tisch, um sich anschließend in seinen Stuhl zu lehnen und sich gesprächig in meine Richtung zu drehen.

Was machst Du eigentlich so beruflich?
Ich bin IT-Architekt für Infrastruktur und Sicherheit
So Nerd-mäßig, oder? Das‘ dachte ich mir schon
Jein, mein Team und ich kümmern uns halt um eine sichere Archite..
Ja, mein Kumpel der macht auch viel so mit Computern, der ist so drauf wie du
Wobei, der PC ist für mich auch eher ein Arbeitsmit…
Ja voll cool…

Party. Des Nächtens
Draußen ist es kühl und dunkel.
„Ja, aber guck mal – Maik, wie viele Kilometer sind wir hier her gefahren? …417 Papa… – Ok, wir sind 417 km hier her gefahren. Und, ich fahre ja nun echt gern Auto, aber wie oft soll ich denn zwischendurch anhalten und aufladen? Das ist doch alles noch nicht zu Ende gedacht“
Uninteressiert an einer politischen Diskussion kurz vor der Bundestagswahl auf der Hochzeit einer nahen Verwandten, ziehe ich draußen, im Dunkeln vor der Partylokation, mit meinem Zeigefinger Kreise durch den feuchten Tau auf der Tischplatte zwischen mir und meinem Gegenüber, und nicke halb bestätigend, halb abwesend meinem Gesprächspartner als Antwort entgegen. Er hat ja nicht unrecht, doch sofort erinnere ich mich an einen Satz eines mir sehr präsenten Podcasters: „Progression geht nur durch Schmerz„. Recht haben wohl beide.

Gedanklich blättere ich durch mein Repertoir an möglichen verbalen Notausgängen, ziehe die Karte eines „good old classic“:
Lässt‘ Du mich kurz raus? Ich muss auf’s Klo“ und verschwinde gekonnt in Richtung Eingang. Im Landeanflug auf Tischgruppe „Griechenland“ bestelle ich souverän im Vorbeigehen einen köstlichen, trockenen Weißwein bei einer der fleißigen Bienchen des lokalen Veranstalters. Trinken werde ich diesen in den folgenden Stunden nicht mehr, als kurze Zeit später der Bräutigam verkündet, dass nun, im Anschluss an das ausgezeichnete Essen, die gesamte Partygemeinde erneut die Lokation wechselt.
Irgendwann, nach Gin & Tonic, Thai- & Griechenland, Filet und Pfannkuchen, Fotobox und Sitzecke, schlechtem 80er Jahre Pop und schlechtem 90er Jahre Techno (jaja, Geschmäcker sind verschieden), Kindern und Großeltern mit lustigen Utensilien auf dem Kopf, finde ich mich wieder in meinem Hotelzimmer neben meinem träumenden Sohn und lese ein letztes Kapitel in meinem mich beleuchtenden Amazon Kindle Oasis.

Scheinehen sind aufhebbar. Das schreibt zumindest Scheidung.de bei der Recherche was „die Ehe“ bedeuten könnte. Diesen Tab geschlossen, geht die Suche weiter. Begriffe wie Verbindung und Vetrauen, Lebensgemeinschaft und Liebe, Bündniss und Zugewinngemeinschaft tauchen auf aus dem Ozean der deutschen Wortschatzgesellschaft. In unserer – heutzutage dankenswerter Weise in den meisten Köpfen offenen – Gesellschaft ist die Ehe wahrscheinlich ein T-Shirt mit der Aufschrift
„Alles kann, nichts muss“.
Gut so.

Alles Liebe,
euer Sven



Zwischendurch. Des Tages.


Zwischenspiel. Irgendwann.