Des Metzgers letzte Schlacht

Des Metzgers letzte Schlacht

Das Gespräch

„Danke Bernd!“, ruft Kommissar Hunter dem Techniker beim Verlassen des kleinen Besprechungsraumes lautstark hinterher, wechselt von einer gedankenverloren Miene in seine routinierte, nicht lesbare Rolle als Polizist, und dreht sich bestimmt, aber nicht zu schnell, weg von der Wand, erneut in Richtung mittig gelegener Tischinsel. 15 Jahre Polizeiarbeit, 40 Jahre Lebenserfahrung und jetzt so eine Scheiße

Acht Monate zuvor

„Hunter! Zweiter Stock – auf der Empore!“
BAM BAM
Treffer.

Bereits im Kindesalter wurde bei Hunter eine damals noch als „Sehschwäche“ eingestufte Verkrümmung der oberen Hornhaut diagnostiziert. Die resultierende Seehilfe, eine wirre Kombination aus Fernglas und Monokel, Draht und Zinn und Ähnlichem, entsprach eher einer ungewollten Erfindung, entsprungen aus einer längst vergangenen Zeit, erzeugte in ihm aber einen entscheidenden Vorteil: Absolute Präzision im körperlichen Zusammenspiel mit in der Hand gehaltenen Schießgewehren.
Schützenverein – Schiessstand – Strakonitz, Tschechien ist die komprimierte Zusammenfassung der darauf folgenden 35 Jahre bis zum jetzigen Moment, kniend in Schussposition auf dem roten Teppich im Erdgeschoss dieser imposanten FKK-Villa, irgendwo im Nirgendwo südlichen Osteuropas.

Strakonitz („Strakonice“), mit knapp 23.000 Einwohnern in der Südböhmischen Region Tschechiens – in der längeren Vergangenheit eher unauffällig – hat sich in den letzten Jahren zum zentralen Umschlagpunkt für Waren jeder Art entwickelt. Drogenbarone und Menschenhändler ergänzen das Stadtbild rund um Handwerker und Industriezweige.

Auf der Empore fällt schallend die AK-47 aus der Hand ihres soeben verstorbenen Besitzers auf den glänzenden Marmorboden. Im selben Augenblick sackt dieser in Sich zusammen. Das war der Letzte.
Weiterhin auf einem Knie gestützt, in Richtung Obergeschoss zielend, nimmt Hunter unterbewusst die zahlreich um ihn herum liegenden, durchlöcherten Körper der sich bereits im Jenseits befindlichen Wachleute wahr.
„DAS SPIEL IST AUS, VICI!“

Doch Vici hatte das Haus bereits fünf Minuten zuvor durch einen unterirdischen Tunnel in Richtung Nebengrundstück verlassen.
14 Monate Ermittlungsarbeit endeten in einem Blutbad.
Die Festnahme eines der gefährlichsten Menschenhändler unserer Zeit: Victor Igsletislav – gennant „Vici“ – war gescheitert und der bilderbuchartige Aufstieg des groß gewachsenen Kommissar Erwin B. Hunter beendet.

Im Besprechungsraum

Die Erinnerung gedanklich beiseite geschoben, widmet sich Hunter wieder der adrett vor ihm sitzenden, unscheinbaren Gestalt zu und erhebt seufzend die Stimme.


„Ok Frau Lamstein. Nachdem der Kollege das Problem mit dem Aufnahmegerät offensichtlich lösen konnte: noch einmal von Anfang an. Erzählen Sie mir bitte zunächst Ihre Personalien und anschließend, warum Sie hier sind.“

„Aber natürlich Herr Kommissar.
Mein Name ist Heidi Lamstein, ich bin 68 Jahre jung und wohne mit meinem Heinz in der Strother Str. 22a in Korbach.“

Hunter: „Was treibt Sie an den Titisee?“

„Wir mussten mal raus“

Hunter: „’Wir‘ bedeutet: Sie und ihr Mann?“

„Wer sonst?“

Hunter: „Sagen Sie es mir.“

„Na gut, ich bin mit Ricardo durchgebrannt und wollte ihm unbedingt den schönen Schwarzwald zeigen.
Die Latinos kennen ja nur Tacos und Sombreros.“

Hunter: „Lassen wir die Spielchen. Sie sagten vorhin, ihr Mann sei verschwunden, erzählen Sie mir bitte, wann Sie ihn das letzte Mal gesehen haben und was passiert ist.“

„Wir hatten einen Tisch im Restaurant neben unserer Pension reserviert. Heinz wollte nur kurz die Straße runter zum Dorfplatz Geld holen. Das war gestern gegen 18:30 Uhr.
Seit dem habe ich ihn nicht mehr gesehen oder gehört.“

„Wussten Sie eigentlich, dass der badische Riesenregenwurm stolze 60 Zentimeter Länge erreichen kann?“

Hunter: „Nein, sollte ich?“

„’Lumbricus badensis‘ oder so ähnlich.“

Hunter: „Ich denke wir sollten bei der Sache bleiben“

„Ja, entschuldigen Sie Herr Kommissar. Mir fällt nur gerade ein, dass ich in einer Illustrierten geblättert hatte als ich auf Heinz gewartet habe. Dort standen die Top 10 lustigsten Fakten des Schwarzwalds.“

Hunter: „Was ist ihr Mann für ein Typ Mensch? Ist er vielleicht einfach… ich meine, kann es sein dass er Sie verlassen wollte?“

Der Aufstieg

Drei Tage zuvor

Der schwarze Renault rollt langsam in Richtung Außenmauer der obersten Parkhaus-Etage. Die Reklame am äußeren Rand des Kennzeichenhalters „Wenn ein Opel, dann von Kowalczyk“ ist nur noch zu erahnen, als Heinz die Handbremse anzieht und somit die 45 minütige Anreise von der Pension zum Belchen-Berg abschließt.
Der erste Urlaub in Heinz’ wohl ersehnten Ruhestand hat vor 3 Tagen im „Goldenen Hahn“ am Titisee angefangen. 40 Jahre Wurst-Imperium, begonnen mit Wurstwaren, fortgeführt als Fleischspezialitäten und vor kurzem verkauft an eine italienische Mortadellamanufaktur sind mit seinen 69 Jahren nun beendet.

Der heutige Ausflug hat den Gipfel des Belchen-Berges als Ziel und stellt für das Ehepaar eine nicht zu unterschätzende Aufgabe dar. Mit jedem Schritt in Richtung Gipfelkreuz kämpfen beide mit ihren Muskeln gegen die unbarmherzige Schwerkraft. Doch dies ist nicht alles. Neben dem jahrelangen, gemeinsamen Kampf gegen die neue Konkurrenz aus der Welt der veganen Mühlenröllchen und auf Soja basierenden Hackalternativen ist in der letzten Zeit schon längst ein Nebenkriegsschauplatz entstanden. Langsam und leise hat sich unter der Oberflächlichkeit ein unterschwelliger Krieg gegeneinander entwickelt.


Offen ausgetragen werden diese Schlachten selten. Jede Partei hat seine eigene Art der Kriegsführung. Heinz’ größte Waffe ist seine unzähmbare Liebe für die 52-jährige Sprechstundenhilfe seines Orthopäden, Giesela Worms, geborene Schuster. Rheuma, Rhythmus, Rumba-Kurs sind die unausweichlichen Stationen seines zunächst geheimen, später immer unverhohlener zur Schau gestellten Spießrutenlaufes.

Heidis Waffe der Wahl ist das Geld. Geld, welches immer nur Heinz verdient und ausgegeben hat. Die Idee, Heinz’ Geld durch geschickten Glücksspieleinsatz langsam aber sicher auf ihr kürzlich eingerichtetes Konto bei der Volksbank Brunshagen zu verschieben, geht zunächst auf. Doch die Gier trifft in Heidi auf nahrhaften Boden. Und so steht die Familie Lamstein kurz vor dem Ruin und Heidi inmitten einer ausgeprägten Rubbel-Los-Sucht.

Als dann auch noch im Zuge des Aufstiegs ein Liebesbrief von „Giesi“ aus Heinz’ Softshell-Jacke direkt in Heidis Hände fällt, ist es kaum verwunderlich, dass diese während des späteren Abstiegs eine schicksalshafte Entscheidung treffen wird.

„Schatz, wollen wir noch an den See fahren? Wir haben doch erst für 18:30 Uhr den Tisch reserviert.“

Im Besprechungsraum

Hunter: „Frau Lamstein?“

„Entschuldigen Sie, wie war die Frage?“

Hunter: „Gab es Probleme zwischen Ihnen beiden?
Gab es vielleicht … Anzeichen das er Sie…“

„Nein, das können wir ausschließen.

Der Untergang

Ohne konkretes Ziel fliegt ein grauer Spatz freudig 20 Meter oberhalb des Sees. Über ihm, im oberen rechten Augenwinkel, die wärmende, untergehende Sonne. Unter ihm nichts als blau-grün flimmernder Untergrund. Aus dieser Perspektive betrachtet, wirkt der unter der Wasseroberfläche schwerelos umhertreibende, seit kurzem seelenlose Körper wie ein verirrter Astronaut im unfreiwilligen Außeneinsatz.
Losgelöst von allem, jedem und jeder Zeit.

Weiter nördlich schaukelt eines der orangefarbenen Motorboote der Verleihstation verloren in der Brandung. Auf der Rückenlehne weht einsam eine grobe Cordhose im sanften Ostwind.


Schnellen Schrittes verläßt eine sichtlich erleichterte Gestalt die unscheinbare Bucht, steigt rücklings auf den Fahrersitz der bereits geöffneten Cabriotür und befreit die baumelnden Füße von Sand und Kiesel. Ein kurzer Anruf genügt. „Wir sind frei, Ricardo.“