Auricher Raucherstübchen

„Als meine Schwester noch geraucht hat, sind wir in Aurich mal in so einer Raucher-Eckkneipe gewesen…“


Die schwere Eisenkette knallt mit einem dumpfen Rasseln gegen den mit Koffern und sonstigen die Insel verlassenden Belongings gefüllten Metallkasten, und lenkt meine Aufmerksamkeit kurz vom vor mir stattfindenden Gespräch und angehenden Highlight des Tages ab. Doch sofort spitzen sich meine Ohren, ich drehe meinen Kopf und lausche weiter dem Dialog direkt vor mir.

„Und wie alt ist die Kleine? Ist doch ein Mädchen, oder?“

Bevor es weitergeht, eine kurze Einordnung. Ich liebe es, in mehr oder weniger besonderen gesellschaftlichen Situationen, wo Menschen aufeinander treffen, die sich eigentlich nicht kennen, gemeinsam auf etwas zu warten und die Stille, Aufregung, Nervosität oder einfach nur das Mitteilungsbedürfnis durch (ich glaube, man nennt es „Smalltalk“) zu kompensieren zu versuchen. Und so werde ich auch jetzt nicht enttäuscht, als in meiner fast-Pole-Position (Platz 3 der einmal durch den ganzen Hafen laufenden Perlenkette von auf die Fähre wartenden Menschen ist jetzt nicht sooo schlecht) eine 94 jährige Frau aus einem Golfcart steigt und sich altersgerecht vorne in die Schlange einordnet. Woher alle wissen, dass diese Frau 94 Jahre alt ist, fragt man sich? Ihre ebenfalls mit einer von farbenfrohen Blumen geschmückte Bluse tragende Tochter steigt direkt nach ihr aus dem Hafen-Uber und teilt dies jedem mit, der es nicht wissen möchte. Und so komplettieren diese beiden nicht unsympathischen Damen unsere Clique der vorderen, wartenden Meute und suchen das Gespräch mit zwei vor mir stehenden, befreundeten Pärchen. Vier Erwachsene, zwei Kinder und ein Baby.

„6 Wochen!“

„ohhh noch sooo klein“

„jaaaaa“

Das erste Eis scheint gebrochen.
Das Mutter-Tochter Gespann nimmt letzte, finale Korrekturen an der Position der Geh-und-Sitzhilfe vor. Die Gitter stehen weiterhin bereit, die Menschenmassen einigermaßen beim Ein- und Ausstieg zu ordnen. Hinter mir wirft ein Vater Fachbegriffe seinem Sohn und damit uns allen gegenüber in den nicht vorhandenen Raum, welche seine ausgeprägte Kompetenz in der Vorwärtsbewegung von auf dem Wasser befindlichen Fortbewegungsmitteln untermauern soll („jetzt fahren die gleich alle mit Schmetterling aus der Bucht raus!“). Rechts von mir löst sich eine Best-Ager-Frau aus der Umarmung ihres Partners, um ihm eine Mütze als Schutz vor der Sonne auf den Kopf zu setzen.

„und die kleine?“

„2,5 Jahre“

„ach, aber die ist doch schon soooo groß!“

„ja *lächelt*“

„geht sie denn schon in den Kindergarten?“

„nein, aber sie kommt nächstes Jahr in die Krippe“

„ist das ein Kindergarten?“

„so in der Art ja. Heut zu tage müssen ja leider beide Elternteile recht schnell wieder arbeiten, wegen de…“

„bei uns heißt das anders, Mutti“. Die Tochter klingt sich ein.

„woher kommen sie denn?“

„Dortmund!“

„Achso, ja, wir haben es am Festland nicht mehr weit, wir kommen aus Aurich“

„Aurich?

„ja!?…“

„„Als meine Schwester noch geraucht hat, …“

Kurze Zeit später läuft die Fähre in den Hafen.
Zunächst wird ein Pferd in einem Anhänger abgeladen.

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